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Ratgeber · Hundeverhalten

„Der will nur spielen!“ – Oder doch nicht?

Warum nicht jeder Hundekontakt Spiel ist, weshalb Konflikte zur Kommunikation gehören und wann Hunde unsere Unterstützung brauchen.

Sonja Müller6 Min. Lesezeit

Annäherung von zwei Hunde im moderierten Sozialkontakt

„Der will doch nur spielen!“

Diesen Satz kennen vermutlich die meisten Hundehalter. Häufig fällt er dann, wenn ein Hund auf einen anderen zustürmt, ihn verfolgt, bedrängt oder zum Kontakt auffordert.

Doch woher wissen wir eigentlich, ob ein Hund wirklich spielen möchte? Und vor allem: Möchte der andere Hund das auch?

Nicht jede Begegnung ist ein Spiel. Nicht jede körperliche Interaktion ist ein Ausdruck von Freude. Und nicht jeder Hund möchte überhaupt Kontakt zu einem Artgenossen aufnehmen.

Wer Hunde verstehen möchte, muss deshalb genauer hinschauen.

Spielen Hunde wirklich immer dann, wenn es nach Spiel aussieht?

Hunde zeigen im Kontakt mit Artgenossen eine Vielzahl unterschiedlicher Verhaltensweisen. Sie beschnuppern sich, laufen gemeinsam, verfolgen einander, rangeln, drohen, weichen aus oder setzen Grenzen.

Einige dieser Verhaltensweisen können Bestandteil eines Spiels sein. Sie können aber ebenso der Distanzregulation, der Konfliktbewältigung oder anderen sozialen Funktionen dienen.

Entscheidend ist deshalb nicht eine einzelne Bewegung oder ein bestimmtes Körpersignal, sondern das Gesamtbild.

Was geschieht vor der Interaktion? Wie entwickelt sie sich? Wie reagieren die beteiligten Hunde aufeinander? Und was passiert, wenn einer von ihnen den Kontakt verändern oder beenden möchte?

Ein Hund, der einem anderen hinterherläuft, kann mit ihm spielen. Er kann ihn aber auch kontrollieren, vertreiben oder unter Druck setzen.

Ein Hund, der auf dem Rücken liegt, kann sich freiwillig in eine spielerische Position begeben haben. Er kann sich aber auch in einer Situation befinden, die er nicht selbstbestimmt verlassen kann.

Erst der Zusammenhang hilft uns, das Verhalten sinnvoll einzuordnen.

Woran erkennen wir ein gelungenes Spiel?

Ein wesentliches Merkmal sozialer Spielinteraktionen ist, dass die beteiligten Hunde die Möglichkeit haben, die Situation mitzugestalten.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Freiwilligkeit: Die Hunde suchen den Kontakt eigenständig und können sich auch wieder daraus lösen.
  • Wechselseitigkeit: Rollen können wechseln. Nicht immer derselbe Hund verfolgt, bedrängt oder bestimmt den Verlauf.
  • Anpassungsfähigkeit: Die Hunde reagieren auf die Signale ihres Gegenübers und passen Intensität, Tempo oder Verhalten an.
  • Spielerische Kommunikation: Spielaufforderungen, übertriebene Bewegungen oder bewusst abgeschwächte Verhaltensweisen können helfen, die Interaktion als Spiel kenntlich zu machen.
  • Unterbrechungen: Pausen und kurze Distanzvergrößerungen können zur Regulation beitragen.

Keines dieser Merkmale ist für sich genommen ein sicherer Beweis für Spiel. Auch müssen nicht alle in jeder Spielsituation gleichermaßen auftreten.

Entscheidend ist, ob die Interaktion für die beteiligten Hunde insgesamt stimmig bleibt.

Gutes Spiel erkennt man nicht daran, wie ausgelassen es aussieht, sondern auch daran, wie die Hunde miteinander umgehen.

Wenn aus Spiel Stress wird

Manche Hundekontakte beginnen spielerisch und verändern im Verlauf ihren Charakter.

Die Erregung steigt. Bewegungen werden schneller, körperlicher oder einseitiger. Ein Hund versucht, Abstand zu gewinnen, während der andere immer wieder nachsetzt.

Vielleicht sehen wir einen Hund, der wiederholt ausweicht, Schutz beim Menschen sucht oder sich durch Drohverhalten Raum verschafft.

Solche Veränderungen sollten wir ernst nehmen.

Dabei bedeutet nicht jedes Knurren, Abschnappen oder körperliche Begrenzen automatisch, dass eine Begegnung gescheitert ist.

Hunde kommunizieren auch über Drohverhalten. Sie können damit Distanz einfordern, Grenzen verdeutlichen oder eine unangenehme Situation beenden.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Hat ein Hund geknurrt?“

Sondern: „Warum hat er geknurrt, wie hat sein Gegenüber darauf reagiert und wie hat sich die Situation anschließend entwickelt?“

Ein Konflikt kann durchaus eine wichtige soziale Lernerfahrung sein, wenn die beteiligten Hunde angemessen kommunizieren können und die Situation nicht eskaliert.

Wird ein Hund jedoch dauerhaft bedrängt, kann sich nicht entziehen oder gerät zunehmend unter Stress, braucht er unsere Unterstützung.

Müssen Hunde ihre Konflikte nicht untereinander klären?

Auch diesen Satz höre ich häufig.

Und wie so oft liegt die Antwort nicht in einem pauschalen Ja oder Nein.

Hunde verfügen über vielfältige Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren, Grenzen auszuhandeln und Konflikte zu lösen.

Dafür benötigen sie allerdings passende Voraussetzungen.

Nicht jeder Hund verfügt über die gleichen sozialen Kompetenzen. Erfahrungen, Persönlichkeit, Alter, gesundheitliche Verfassung, Erregungsniveau und bisherige Lernerfahrungen beeinflussen, wie ein Hund auf andere reagiert.

Ein souveräner, sozial erfahrener Hund kann möglicherweise eine Situation angemessen regulieren, mit der ein unsicherer oder schnell erregbarer Hund völlig überfordert wäre.

Auch die Zusammensetzung der Hunde spielt eine Rolle.

Hunde sollten soziale Situationen nicht grundsätzlich allein bewältigen müssen – erst recht nicht, wenn sie erkennbar an ihre Grenzen geraten.

Unsere Aufgabe besteht darin, aufmerksam zu beobachten, Situationen einzuschätzen und bei Bedarf angemessen zu unterstützen.

Das bedeutet weder, jede Interaktion sofort zu unterbrechen, noch darauf zu warten, bis ein Konflikt eskaliert.

Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.

Nicht jeder Hund braucht jeden Hund

Sozialkontakte sind ein wichtiger Bestandteil des hündischen Lebens. Daraus folgt jedoch nicht, dass jeder Hund mit jedem Artgenossen direkten Kontakt haben muss.

Manche Hunde genießen ausgedehnte Spielsequenzen. Andere bevorzugen ruhiges gemeinsames Erkunden, kurze Begegnungen oder ein entspanntes Nebeneinander.

Wieder andere benötigen zunächst Abstand und Sicherheit, bevor sie sich überhaupt auf einen Kontakt einlassen können.

Auch das ist in Ordnung.

Ein gelungener Sozialkontakt muss nicht spektakulär sein.

Manchmal ist es bereits eine wertvolle Erfahrung, wenn zwei Hunde einander wahrnehmen, angemessen kommunizieren und anschließend entspannt ihrer Wege gehen.

Die Qualität eines Sozialkontakts ist wichtiger als die Anzahl der Begegnungen.

Was bedeutet das für meinen moderierten Freilauf?

Genau aus diesen Überlegungen heraus habe ich meinen moderierten Freilauf entwickelt.

Hier geht es nicht darum, möglichst viele Hunde gleichzeitig auf einer Wiese laufen zu lassen und zu hoffen, dass sie schon miteinander zurechtkommen.

Stattdessen schaffe ich einen Rahmen, in dem wir Kontakte bewusst gestalten, beobachten und begleiten können.

Welche Hunde passen zueinander? Welche Form des Kontakts ist sinnvoll? Wie entwickelt sich eine Interaktion? Wo braucht ein Hund Unterstützung und wann können wir ihm zutrauen, eine Situation selbst zu bewältigen?

Je nach Hund und Situation finden Kontakte einzeln, in kleinen Konstellationen oder innerhalb einer Gruppe statt.

Dabei sind auch Hunde willkommen, die im Kontakt mit Artgenossen unsicher, schnell erregbar oder sozial weniger erfahren sind – sofern sich ein geeigneter und sicherer Rahmen gestalten lässt.

Nicht immer steht der direkte Kontakt im Vordergrund. Auch angeleinte Phasen, bewusstes Warten und das Aushalten von Distanz können wichtige Bestandteile unserer gemeinsamen Arbeit sein.

Lernen sollen dabei nicht nur die Hunde.

Mindestens genauso wichtig ist mir, dass ihre Menschen lernen, genauer hinzusehen.

Körpersprache erkennen. Verhalten im Zusammenhang verstehen. Situationen besser einschätzen. Den eigenen Hund angemessen unterstützen und zunehmend selbst Handlungssicherheit entwickeln.

Denn gelungene Sozialkontakte entstehen nicht allein dadurch, dass wir Hunde zusammenbringen.

Sie brauchen passende Rahmenbedingungen, Verständnis und manchmal auch klare Entscheidungen.

Verhalten verstehen. Orientierung geben. Veränderung ermöglichen.

Dieser Gedanke prägt meine gesamte Arbeit bei KÖTERLOGIE®.

Auch im Sozialkontakttraining geht es nicht darum, jedes Verhalten vorschnell als gut oder schlecht zu bewerten.

Es geht darum, zu verstehen, was Hunde uns mit ihrem Verhalten mitteilen, welche Bedürfnisse und Motivationen dahinterstehen und wie wir sie sinnvoll begleiten können.

Denn nicht jeder Hund, der wild herumrennt, spielt.

Nicht jeder Hund, der knurrt, ist aggressiv.

Und nicht jeder Hund, der Abstand hält, hat ein Problem.

Manchmal beginnt gutes Hundetraining einfach damit, genauer hinzuschauen.

Du möchtest das Sozialverhalten deines Hundes besser verstehen?

Im moderierten Freilauf von KÖTERLOGIE® in Lohmar begleite ich Hunde und ihre Menschen bei passenden Sozialkontakten und unterstütze dich dabei, hündische Kommunikation besser zu erkennen und einzuordnen.

Ich freue mich darauf dich und deinen Hund kennenzulernen!

Liebe Grüße Sonja